Über Bücher und das Älter werden
Wie so oft in den letzten 28 Jahren meines Lebens, vollzog sich vor zwei Tagen der Jahreswechsel. Ach ja, da war ich wieder herrlich melancholisch; fast so wie am Geburtstag. Man merkt wieder, dass die Zeit nur so dahin fliegt und stellt Anekdoten schwingend mit seinen besten Freunden fest, dass man langsam aber sicher alt wird.
Der Blick in den Spiegel, zwei Tage zuvor, schlug mir mit voller Breitseite ins Gesicht, hatten sich doch erste Falten um die Augen gebildet und die ersten grauen Haare wurden panisch ausgerissen. Es ist wirklich so, ich muss mich erstmals mit der Realität auseinandersetzen, dass ich die besten Jahre hinter mir habe.
Aber davon wollte ich eigentlich gar nicht reden. Da sieht man es mal wieder, alte Menschen kommen vom Hölzchen auf’s Stöckchen, zum Holzspan, zum Holzsplitter, zum Atom…
Das letzte Jahr war ein mehr oder weniger gutes Jahr. Das Älter werden hat also auch seine guten Seiten. Ich frage mich wenigstens nicht mehr: “Warum war das letzte Jahr so beschissen, wird das nächste besser?”
Ich kann bei einem guten Glas Prosecco – man trinkt ja in meinem Alter keinen billigen Sekt mehr – mein Leben Revue passieren lassen und erwische mich sogar bei einem Lächeln bei dem Gedanken an Dinge, die mir zu anderen Zeiten mal die Tränen in die Augen getrieben haben. Gut so, denke ich, lass die schlechten Erinnerungen hinter dir und konzentriere dich auf die Dinge, die das Leben noch bringt. (Demnächst gehe ich wohl bei all dieser Besinnlichkeit noch in die Kirche – Gott bewahre!)
Aber auch das war nicht der Grund dieses Beitrages. Ich wollte eigentlich etwas über Bücher sagen. In meinem Lebensabschnitt geht man ja nicht mehr so oft ins Kino, da man jede Sprungfeder im Sitz spürt oder eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt, weil man allzu schnell von dem Hintermann genervt ist, der einem bei jeder Gelegenheit sein Knie in den “Rücken” deut. Auch die Disco oder die Kneipe kommen seltener in Frage. All der Qualm und vor allem: all die Leute…
Also setze ich mich gemütlich, besinnlich und in mich gekehrt in den von Oma vermachten Ohrensessel ganz nah bei der Heizung, eingemummelt in eine rosa Decke und nehme ein Buch zur Hand.
Bücher suche ich nach einem sehr seltsamen Schema aus. Ein Buch muss gefallen, sprich: das Cover muss mich optisch ansprechen. Eigentlich ist dieses Vorgehen ja sehr respektlos gegenüber der ggf. sehr guten Schreibweise und dem perfekten Ideenreichtum eines Schriftstellers, aber seien wir ehrlich: Wir sind doch alle visuelle Menschen. Sei es die Liebe unseres Lebens, die innerlich noch so schön sein kann, wenn sie äußerlich nicht stimmt. Sei es bei Blogs wie diesen, denen man keine Chance lässt, wenn sie einen nicht direkt optisch ansprechen. So ist es eben auch bei Büchern. Ganz schlimm sind Bücher des Diogenes Verlages, die man auch nur im Regal stehen hat, weil sie Klassiker wie “Das Parfum” oder “Der große Gatsby” verlegt haben.
Nachdem ein Buch den “Covertest” bestanden hat, wird die Rückseite eingehend studiert. Bei mir gibt es da ein paar eindeutige “No-Go’s”.
- Bücher, die im Mittelalter spielen
- Emanzen gedrillte Hera Lind Bücher
- Henning Mankell’s Wallander
- Popliteratur von bspw. Nick Hornby
- Fantasybücher.
Gerne lese ich dagegen momentan Krimis und Verschwörungsbücher. Jaja, ich schwimme eindeutig auf der Welle mit. Ich gebe es zu. Dafür lese ich gern Fred Vargas, die allen in meiner Umgebung leichte Aversionen bereitet.
Bücher die 2006 meinen strengen visuellen, wie inhaltlichen Test bestanden haben und die ich beim und auch noch nach dem Lesen richtig gut fand, waren:
- Die Vatikan-Verschwörung von Kai Meyer
- Der 14. Stein von Fred Vargas
- Der Engelspapst von Jörg Kastner
- Vergiss mein nicht von Karin Slaughter
- Die Stadt der träumenden Bücher von Walter Moers
- Die Geheimloge von Scott McBain.
Angefangen zu lesen, weil sie mir bei meinem “Test” Qualität vorgegaukelt haben, dies aber nicht annähernd halten konnten:
- Der Jesus von Texas von dbc pierre
- Die Tore der Finsternis von Ian Rankin
- Parlando von Bodo Kirchhoff (nach Schundroman sehr vielversprechend).
An dieser Stelle möchte ich es auch nicht verpassen, das sehr gute, aber leider durch sein Ende versaute Buch des Jahres vorzustellen: Scriptum von Raymond Khoury. Da wühlte ich mich durch 600 Seiten – eine spannender als die andere – schlafe kaum noch, weil ich so nervenaufreibend auf das Ende gespannt bin und dann lese ich ein vehement unsinniges, von Ideen weit entferntes Ende, dass nicht mal den Autor zufrieden gestellt haben kann. Das ganze Buch über findet man sich mit Fantastereien ab und denkt es sei halt spirituell und am Ende entscheidet sich der Autor dem Buch doch noch Realität verpassen zu wollen. Das war das No-Go-Buch meines Jahres 2006, obgleich es nicht das schlechteste war.
Über das Älter werden kann man denken wie man möchte – und ich nehme es persönlich auch selten so leicht, wie in diesem Beitrag – aber solange ich mich mit einem guten Buch zurückziehen kann und im Hintergrund die von mir vergötterte Stimme von James Morrison leise aus der Stereoanlage singt, kann meinetwegen auch der Krückstock kommen.
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Hallo Dany,
nur ganz kurz ein Tipp von meiner Oma….
Reiße dir niemals graue Haare aus – an der Stelle wachsen dir nämlich drei neue nach und das kannst du bei deiner Phobie vor dem Alter nicht wollen.
Liebe Grüße
Petra
Liebe Dany,
mal ab davon, dass du meinen vergötterten Wallander verschmähst (aber ich vergebe dir! *g), geb ich dir völlig recht. Es gibt viele Dinge, bei denen ich mir inzwischen sage: Für so einen Quatsch bin ich zu alt. Das meine ich durchaus positiv, denn gefetet habe ich genug, dafür habe ich jetzt einen Batzen Lebenserfahrung, der echt hilft, Dinge gelassener zu sehen, sich unabhängig von der Meinung anderer zu machen, genauer zu wissen, was man will und vor allem NICHT will … Ich möchte nicht mehr tauschen oder zurückspulen.
Und lesen ist sowieso nicht zu verachten!
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