Wenn Jugendliche Langeweile haben
Gestern saß ich im Zug nach Hause – nach Bonn. Ich war ziemlich müde, bemühte mich mit Birgit, einer Studienfreundin, zu unterhalten. Neben uns auf dem Vierer saß unser Staatsrechtsdozent. Es war eigentlich wie jeden Tag. Nichts besonderes.
Am Brühler Bahnhof stieg eine Gruppe von ca. 6 Jungs aus, die zuvor oben vor den Türen herumgelümmelt hatten. Der Regionalexpress ist ein doppelstöckiger Zug, dessen Fenster des unteren Teils auf fast gleicher Höhe mit dem Bahnsteig sind. Die Jungs stiegen wie gesagt aus und ärgerten einige Leute als sie an den Fenstern vorbeigingen. Kleine Jungs eben. An einem Fenster – an dem zwei Mädchen mit Kopftücher saßen – bleiben zwei von ihnen stehen und hielten ein Handy ans Fenster. Mehr hab ich nicht gesehen. Irgendwie hat es mich zu den Zeitpunkt auch noch nicht interessiert oder besser: ich dachte mir nicht viel dabei.
Kurz nachdem die beiden letzten an meinem Fenster vorbei gingen, hörte ich aufeinmal einen riesen Knall in meinem Rücken. Birgit und ich dachten, es sei vielleicht ein Gepäckstück umgefallen oder etwas heruntergefallen. Aber einen kleinen Moment später wurden die Menschen hinter uns ganz aufgeregt und es artete in einem kleinen Tumult aus. Ich drehte mich also um und sah, dass zwei Fenster weiter ein riesen – ja wie soll ich es bezeichnen? Einer der Jungen hatte, als der Zug losfuhr, mit voller Wucht gegen das Fenster getreten. Die Scheibe war nicht zersplittert, weil es sich bekanntlich um sehr dickes Glas handelt. Von dem Punkt wo das Glas getroffen worden war, zogen sich feine Risse über das gesamte Glas.
Die Frau die auf dem Sitz daneben gesessen hatte, war ganz irritiert und man sah den Schock in ihren Knochen sitzen.
Auf einmal wurden alle Mitfahrenden im Zug hellhörig. Jeder hatte etwas zu sagen. Eine Dame zog sofort ihr Handy aus der Tasche, eine andere begab sich sofort auf die Suche nach dem Schaffner. Plötzlich meldete sich ein älterer Herr zu Wort und meinte: “Die Frauen in Weiß dahinten, kannten die Jungen!” Mit “die Frauen in Weiß” meinte er die Mädchen mit den Kopftüchern.
Ich drehte mich wieder zu ihm um und meinte: “Frauen in Weiß kann man sich sparen.”
Kurze Zeit später ging er energischen Schrittes zu den Mädchen und ich konnte an seiner Körperspannung und seiner Gestik erkennen, dass er die Mädchen anmeckerte und blöd anmachte. Die Mädchen schüttelten die Köpfe und waren ganz aufgeregt. Wahrscheinlich weil sie Angst hatten in Verbindung gebracht zu werden.
Zwei Minuten später fuhren wir Gott sei Dank im Bonner Bahnhof ein und ich stieg aus. Ich mache mir Gedanken darüber warum die Jungen das gemacht hatten. Langeweile, Coolness in ihrer Gruppe, mutwillige Zerstörung oder einfach nur weil sie blöd und agressiv sind? – Dem alten Mann jedenfalls hatten sie genug Zündstoff geliefert, um sein Klischee über Ausländer weiter auszubauen…
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Echt traurig sowas. Da gibt man sich Mühe etwas mehr toleranz zu schaffen und die Jungen machen alles wieder kaputt…
Die Frau tut mir aber auch voll leid, ich hätte mich auch tierisch erschrocken.
Jugendliche sind oft auch unterfordert, hier macht dann einer in einem augenlick kaputt wofür einige viel zeit aufwenden.
Ich weiß nicht, ob das Unterforderung war. Oftmals denke ich mir, dass die Kids heutzutage nicht mehr viel mit sich anzufangen wissen. Wenn ich darüber nachdenke, was ich in deren Alter so alles gemacht habe.
Ich glaube nach wie vor, dass es eine Mischung aus Langeweile und Agressionen ist. Aber wer lebt den Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft tatsächlich noch ein Vorbild vor?
Sie verehren dann so Möchtegern-Rapper wie Sido oder Bushido und meinen sie seien toll.
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