Zumindest gedanklich
Ich komme irgendwie nicht aus den Füßen. Weder mit den neuen Ideen bezüglich einer Neuausrichtung dieses Blogs, noch mit anderen Vorhaben, die mir unter der Woche auf der Arbeit durch den Kopf schwirren. Mir fehlt – wie so oft – die Motivation.
Zum Beispiel gehe ich schon seit drei Monaten jeden Tag in “Der goldene Kompass”, zumindest gedanklich.
Ich schreibe seit ungefähr fünf Wochen etwas über zwei Alben die es wirklich verdient hätten, sich mit ihnen zu beschäftigen, zumindest gedanklich.
Ich kommentiere auch immer fleißig bei anderen Blogs – zumindest gedanklich, mache es dann aber doch nicht, weil ich es erst drei Tage später geschafft habe, meinen Feedreader abzugrasen. In den Fällen haben alle anderen vor mir schon alles gesagt.
In Gedanken sind wir doch alle Helden. Im wahren Leben reicht es dann oftmals nur zum Maulhelden. Reden, denken, reden, denken, motiviert. Ja, ich pack das. Und wenn es soweit ist? – Ach, das kann ich doch auch morgen machen
oder nächste Woche
oder ich lass es am besten gleich.
Ich las die Woche einen Artikel – ich kann mich nicht mal mehr erinnern wo. Da stand, dass der türkische Präsident von der deutschen Regierung fordert, Unis und Schulen in Türkisch unterrichten zu lassen. – Erster Gedanke: ist der deppert? Zweiter Gedanke: bei uns die Fresse aufreißen, aber bei Marco mussten wir die Füße still halten, weil es sonst länderübergreifende Beziehungen gefährenden könnte. Dritter Gedanke: warum machen wir Türkisch eigentlich nicht zur zweiten Amtssprache? Vierter Gedanke: den Islam zur Staatsreligion? Fünfter Gedanke: Jetzt halt mal an Dich, du bist doch nicht rassistisch? Sechster Gedanke: blog doch mal drüber. Siebter Gedanke: ach nee! Achter Gedanke: was esse ich heute eigentlich zum Abendbrot?
Einen Tag später beschäftigte ich mich auf der Arbeit mit drögen Excel-Tabellen und fragte mich – zumindest gedanklich – wo fängt Rassismus eigentlich an und inwiefern darf man solche Forderungen wie die obige kategorisch ablehnen oder zumindest äußerst kritisch betrachten? Ist es schon rassistisch, wenn ich der Meinung bin, dass Menschen, die in Deutschland leben jedwede Unterstützung zur Integration erhalten sollen, diese aber auch klare Grenzen haben muss? Zum Beispiel an dem Punkt an dem die eigene, nationale Kultur angegriffen wird? Sollen wir demnächst Unis, Schulen und Kirchen für jede ethnische Gruppe einrichten? Wir sind immer noch in Deutschland. Wir können multi-kulturell sein, aber in erster Linie haben wir eine eigene Kultur, eine eigene Sprache, eine eigene Religion.
Ich bin nicht rassistisch! Ich hätte nicht mal etwas dagegen, wenn mein Kind von einer Kopftuch tragenden Muslime unterrichtet würde, da ich solche Befindlichkeiten nicht nachvollziehen kann. Sicher, sie hat eine Botschaft, aber die hat auch jeder Punk. Mein Kind zieht mit 95% Sicherheit auch nicht mit einem Rucksack in die Welt, schläft unter Brücken und säuft sich die Hucke voll, nur weil es einen Obdachlosen auf der Straße hat liegen sehen. Ein bisschen Verstand muss man den Kindern und Jugendlichen auch zugestehen. Aber bitte. – Es ist auch nicht jeder rassistisch der Kopftücher im öffentlichen Dienst verbieten will.
Aber ist es rassistisch zu denken, dass man türkischen Menschen in Deutschland ihre Vorstellung eines erfüllten Lebens auf deutschem Boden verbieten möchte?
Ich gebe es zu; so sehr man sich bemüht multikulturell zu denken, so sehr man sich bemüht tolerant zu sein, ab einem gewissen Punkt sind wir doch alle rassistisch – zumindest gedanklich. Davor kann sich keiner verschließen. Der erste Gedanke bei kriminellen ausländischen Jugendlichen: war ja klar. Der erste Gedanke bei einer nicht gut sprechenden Ausländerin: die will sich wohl nicht integrieren. Gibt sich nicht mal Mühe.
Denken ohne zu hinterfragen. Wie lange ist sie wohl schon hier? Wieso spricht sie kein Deutsch?
Ich habe nichts gegen den Bau einer Moschee. Da zählt für mich auch nicht das Argument, dass wir das alles in der Türkei nicht dürften. Wir sind eben nicht die Türkei. Das ist der Unterschied. Wir geben noch etwas auf Integration. Wir bemühen uns. Noch!
Der Widerstand in der deutschen Bevölkerung allerdings wächst. Dafür sorgen die schwarzen Schafe.
Die Schafe, die sich in der Schule ständig prügeln, die Schafe, die alte Rentner in U-Bahnen niederstrecken, die Schafe, die mit ihren Handys lautstark Musik hörend durch die Gegend rennen und asozial pöbelnd miteinander reden, als wären sie voller Aggressionen. Dass sind die Schafe, die ein klares Bild auf die Gesamtheit verbieten. Man sieht nur noch die schwarzen Schafe statt rational zu erkennen, dass es darunter auch ganz viele weiße gibt.
Das ist auch der Grund weswegen sich mittlerweile soviele Menschen zu Parteien wie der NPD verirren. Sie wollen Veränderung, sie wollen Arbeit. Sie sind der Auffassung, dass sie wegen der vielen Ausländer keine Arbeit haben. Dabei gibt es soviele Aspekte die zu einer genaueren Betrachtung herangezogen werden müßten. Aber das ist ein anderer Gedanke.
Wir sind stets ehrlich – zumindest gedanklich. Außerhalb des Kopfes wird es uns auch schwer gemacht.
Wie schnell wird man in eine Ecke gestellt, mit dem Rücken zur Wand, die Wort im Mund verdreht? Wie schnell werden aus Vorurteilen Stricke gedreht?
Das passiert – leider nicht nur in Gedanken.
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Wow, ein toller Beitrag, der sogar die starken gedanklichen (!) Sprünge sehr gut verkraftet.
Das angesprochene in Gedanken kommentieren und Beiträge schreiben, geht mir genau so :schnecke:
Und zu dem gedanklichen Rassismus: ich hab mal von einer Studie gehört, wo man getestet hat, wie “politisch korrekt” die Probanden reagieren. Diejenigen, mit denen man vorher über das Thema gesprochen hat oder die einen Text gelesen haben (genau weiß ich nicht mehr), die verhielten sich wesentlich auffälliger, obwohl sie sich absichtlich richtig verhalten wollten.
Die gedanklichen Sprünge habe ich mit Absicht gemacht, damit es besser rüber kommt. Manchmal ergibt sich aber auch beim Schreiben etwas, so dass man einfach seine Gedanken nieder schreibt und dann soetwas wie oben dabei herauskommt. Das klingt für mich dann schlüssig und für jemand anderen durcheinander.
Gedanklich kann ich deine Zurückhaltung und dein Zögern nachvollziehen. Doch nun kommt das ganz große Aber:
Es gibt nichts gutes, ausser man/frau tut es.
So einfach ist das. Daher finde ich es super, dass du diesen Text so wie es dir in den Kopf gekommen ist runtergeschrieben hast. Sieh dein Blog als eine öffentliche Erweiterung deiner Gedankenwelt an. Du kannst ja stets entscheiden, mit wem du diskutieren willst oder auch nicht. Ist ja dein Spielplatz, deine Kopfarena.
Und mal ganz ehrlich, diese aufgesetzte political correctness in den meisten Medien geht mir schon lange auf die Nerven. Es sind die Begegnungen im Alltag, die du beschrieben hast und die einen gedanklich zweifeln lassen, ob zu viel Toleranz nicht in die falsche Richtung führt. Um es klar auszudrücken: Jeder, der in Deutschland lebt, hat sich an die hier geltenden Spielregeln zu halten. Die sind ganz einfach. Wir reden deutsch miteinander und halten uns an das Grundgesetz und die FDGO.
Was daran diskriminierend oder falsch sein soll möge mir jemand , der anderer Meinung ist, bitte erklären! Kein falsche Scham bei “gedanklichem Rassismus”. Denn jeder Mensch braucht Kategorien mit denen er sich im Leben zurechtfindet. Nur was wir davon aussprechen, sollte vorher wohl überlegt sein.
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