Ich bin die Summe meiner Erfahrungen…
Ist gibt diesen unsinnigen Satz, diese Frage, die intellektuell gemeint, aber eigentlich jeder Logik entbehrt:
Würdest Du Dinge anders machen, wenn Du Dein Leben noch einmal leben könntest?
Ja, scheiße würde ich. Die Liste der Dinge, die anders laufen würden, wäre unendlich lang. Mit all den Erfahrungen, mit all dem Schmerz, den tränenreichen Stunden im Bett, mit all den Umständen, den Reaktionen, mit den falschen Entscheidungen, den Wegen, die man nicht beschreiten wollte, mit den Entscheidungen, die man für richtig hielt, die sich dann aber als falsch entpuppten.
Aber die Wahrheit wäre: all diese Dinge würden vielleicht anders, aber nicht besser laufen. Würde ich mein Leben von Neuem beginnen, würde ich um die vielen Fehler, die Fehlentscheidungen, die unberücksichtigten Gefühle und Reaktionen nicht wissen und würde in die gleichen Fallen tapsen. Ich würde wieder verletzt und würde in diesem Prozess andere wieder verletzten. Irgendwann finde ich mich auf dem Weg und genau an dem Punkt wieder, an dem ich mir diese eine dämlich Frage gestellt habe.
Sinn würde eine Wiederholung wirklich nur machen, wenn ich bei Null genau die gleichen Dinge wüßte wie heute.
Ich würde dann mein Abi direkt mit 19 machen, ich würde mich in der Schule nicht so hängen lassen. Ich würde nicht mit 20 ausziehen, um dann festzustellen, dass das Geld doch knapper ist, als die Kalkulation mit dem Taschenrechner und der rosaroten Brille auf der Nase es mir weiß machen wollten. Ich würde nicht bei regennaßer Fahrbahn viel zu schnell fahren, um dann die Kurve nicht zu bekommen. Ich würde mir tatsächlich mit 15 die Frage stellen, was ich beruflich in meinem Leben erreichen möchte, um dann nicht mit 30 festzustellen, dass ich zwar zwei Ausbildungen gemacht habe, ein anderer Job aber besser zu mir passen würde. Ich würde mit Anfang 20 Kinder bekommen, zu einer Zeit in der ich mich selbst noch wie eins fühle und nicht mit 30 Abstand von Nachwuchs zu nehmen, weil man sich nicht mit infantilen Kindereien auseinander setzen will oder lieben noch was von seinem Leben haben will. Ich würde meine Eltern mit 12 anbetteln auf ein Queen-Konzert gehen zu dürfen (zur Not auch mit Ihnen zusammen), weil ich wüßte, dass Freddie 1991 stirbt und danach keine Gelegenheit mehr da wäre.
Vermutlich würde ich mir ein Foto von mir aufbewahren, um vielleicht das ein oder andere Duplo verzichtend zur Seite zu legen, um vielleicht ein paar Kilo weniger zu wiegen, vielleicht würde ich mich aber auch einfach nur zu mehr Sport zwingen.
Ich würde einige meiner Freunde anders behandeln oder im vorneherein andere aussuchen, damit mir Enttäuschungen erspart blieben.
Das alles und noch viel mehr, hätte ich gemacht, um dann 30 Jahre später festzustellen, dass ich so geworden bin, wie ich es weder vor 10 Jahren noch heute wollte. Vermutlich wäre ich ein dünnes Hemd mit der Chance auf eine spitzen Karriere, die ich mir allerdings in die Haare schmieren könnte, weil ich drei Kinder zu Hause sitzen hätte, deren Vater sich aus dem Staub gemacht hat, weil er feststellte, dass er sich dieser Aufgabe mit 22 Jahren noch nicht gewachsen sieht.
Irgendjemand hat mal gesagt: Der Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen. Ich bin mir sicher, derjenige hatte Recht. Ich bin was ich bin und das, wozu ich mich selbst gemacht habe. Die Verantwortung kann ich niemandem in die Schuhe schieben – auch nicht, oder erst recht nicht, meinen Eltern.
Die beste Erfahrung und Erkenntnis ist dann wohl: ich würde nichts anders machen, ich kann nur in der Zukunft versuchen die Dinge, die mich stören anders und vielleicht ein bisschen besser zu machen…
Bild im Original von Tomas Rawski (flickr)
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Wow, sehr gut ausgedrückt! Solchen Gedankengängen sollte man öfter mal folgen, dann kann man das Leben eher genießen
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