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Telegramm an meinen Körper #2

19. April 2009 # 789 views # 1 Kommentar

Die Kunst des Abnehmens ist der tägliche Kampf mit meinem inneren Schweinehund und jeder der besagten als Haustier halten muss weiß, dass man ihm in den meisten Runden willenlos unterliegt. Wenige Ausnahmen erfüllen ihren Zweck nur in der Bestätigung der viel zitierten Regel.
Daher ist es eigentlich keine Kunst abzunehmen, sondern vielmehr der Ausdruck eines starken Willens gegen seine eigenen Gedanken und das eigene Verlangen. Aber was genau ist die Ursache für das eigene ambivalente Gedankennetz? Oder – wenn ich es plastischer betrachten möchte – wer sind die Zwei in meinem Kopf von denen der Eine sagt „Komm iss ruhig die ganze Tafel Schokolade, Abstinenz kannst Du noch Dein Leben lang propagieren“ und der Andere flüstert „Komm iss nur einen Riegel Schokolade, deine zwei Rettungsringe könnten es mit einer ganzen Fußballmannschaft auf See aufnehmen“?

So kabbeln sich die Beiden gern von früh bis spät und meine Geschmacksknospen, die gleichzeitig von meinem Gedächtnis und seinen Erinnerungen an den kakaolastigen Geschmack verführt werden, verlangen nach dem braunen Teufelszeug, dass nicht nur zu einer Geschmacksexplosion, sondern auch zu einer erhöhten Ausschüttung von Glückshormonen führt.
Allerdings – und das speichert das Gedächtnis einfach hartnäckig nicht ab – werden diese Glückshormone bereits vom schlechten Gewissen verfolgt, erstickt und durch ein Gefühl der Unzulänglichkeit ersetzt. Beim Blick in den Spiegel fängt man schließlich an zu bereuen, der nächste Klamottenkauf steht sicher auch wieder an und führt im Endeffekt zu der Frustration, die ihrerseits wieder zu einem hohen Bedarf an Glückshormonen führt, die wiederum vom schlechten Gewissen bereits erwartet werden.

Der Volksmund nennt dieses Phänomen einen Teufelskreis.

Ich kann also bereits an dieser Stelle für mich festhalten: Abnehmen ist keine Kunst, es ist auch nicht allein der Ausdruck des starken Willens, sondern es ist die effektive Durchbrechung des Teufelskreises mit einem langfristigen Erfolg.
Diese einfach anmutende Erkenntnis ist in Wahrheit eine Anhäufung von Erfahrungen und Erkenntnissen, deren Sammlung Jahre in Anspruch genommen hat. Dabei verschob sich meine eigene Wahrnehmung unproportional zu meinem Körpergewicht, die Schmerzgrenze für das Gewicht rückte in den Hintergrund – irgendwann sagte ich mir nur noch: So lange Du Dich noch bewegen kannst und nicht mit einem Kran aus dem Bett gehoben werden musst, ist alles in Ordnung.
Aber eigentlich ist das nichts anderes als blanker Selbstbetrug.
Der Wohlfühlfaktor sinkt im Laufe der Jahre unbemerkt unter Null, ich bemerkte gar nicht, dass ich in weitreichendem Umfang Einschnitte in mein Leben zuließ. Ich ging nicht mehr schwimmen, da ich mich unwohl fühlte, ich ging nicht mehr so gern in Kneipen oder ins Kino, weil ich hinter jedem Gesicht einen potentiellen Lästerer sah. Mein Selbstbewusstsein schrumpfte mit den Jahren auf ein verkümmertes Irgendwas, das in meiner Phantasie ein bisschen an Golum aus Herr der Ringe erinnert.

Während sich das alles lustig liest, muss man aber auch die bittere Wahrheit dahinter lesen und erkennen: ich bin ein Mensch geworden, dessen Körpergewicht den ursprünglich aus mir gewachsenen Menschen in seiner Fülle, seiner Sympathie und Humorigkeit unterdrückt hat. Der sich niemals außerhalb der eigenen vier Wände wirklich wohl fühlt, der permanent das Gefühl hat auf der Straße angestarrt und bewertet zu werden.
Aber genau diese Umstände hätten – unter Voraussetzung eines gesunden Menschenverstandes – dazu führen müssen, früher einzulenken, mein Leben wieder selber in die Hand zu nehmen und zu versuchen gegen den Sog zu schwimmen, der in meinem Kopf entstanden ist. Stattdessen spiele ich toter Mann auf einem Fluss ins Nirwana.

Selbsterkenntnis ist wirklich ein schwieriger Prozess, dessen einzige Aufgabe nicht nur die Erkenntnis einer Lage ist, sondern das permanente Bewusstsein des eigenen Ichs und seiner Bedürfnisse, seiner Ängste und Sorgen. Dabei stellte ich im Laufe der Jahre auch fest, dass die Gefühle und das Verlangen stärker sind als der Verstand und die Gedanken.
Zu wissen, dass man zu dick ist und nicht nur aus ästhetischen, sondern auch aus gesundheitlichen Gründen abnehmen sollte, führt noch lange nicht dazu, dass man rational auf etwas wie Schokolade verzichten kann.
Ein Drogenabhängiger ist sich seiner gesundheitlichen Lage und seines sozialen Abstiegs mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bewusst, ist trotzdem einzig und allein mit dem Gedanken an den nächsten Schuss oder der Beschaffung der finanziellen Mittel dafür umtrieben.

Der Grund für diese Sammlung an Gedanken ist ein ganz einfacher: die Erkenntnis allein ist noch nicht der Antrieb in die richtige Richtung. Vielmehr soll das Bewusstmachen und die Auseinandersetzung mit den Problemen der eigenen Persönlichkeit – zumindest in meiner bescheidenen Hoffnung – zu einer neuen Betrachtungsweise führen, die mich im besten Falle in die Lage versetzt, vor dem nächsten Biss in die Tafel Schokolade Selbstreflektion zu betreiben und zu erkennen, dass mich das Stück Schokolade nicht von meinen Problemen befreit, sondern sie einzig und allein verstärkt.

Es kann sein, dass hier eher der Wunsch Vater des Gedanken ist und der innere Schweinehund diese Sichtweise schnell durch seinen Aktenvernichter jagt, aber einer solch pessimistischen Grundeinstellung soll zukünftig ebenfalls der Gar ausgemacht werden.

Mein erster Weg besteht darin meine Bewegungsrate zu steigern. Dies sieht in einem ersten Schritt so aus, dass ich nun versuche jeden Abend mindestens 30 Minuten Intensiv-Walking zu betreiben. Diese Einheiten lege ich neben meinen regulären Walkingtagen ein. Bei dem Intensiv-Walking (dass ich laienhaft mal so bezeichne) gehe ich dazu über, nicht auf Entfernung zu laufen, sondern rein auf Geschwindigkeit. Das bedeutet, ich laufe 5 Minuten in normalem, nicht anstrengendem Schritttempo, anschließend, steigere ich meine Geschwindigkeit 2 Minuten lang so weit, dass ich fast in einen Dauerlaufschritt verfalle. Diese beiden Geschwindigkeiten wechseln sich ab.
Dieses „Intensiv-Walking“ soll zur Steigerung der Kondition beitragen. Irgendwas muss ja passieren, damit man mich nicht jedes Mal nach vier Stockwerken an ein Sauerstoffgerät hängen muss, damit ich nicht das Zeitliche segne. Ich möchte an dieser Stelle allerdings betonen, dass man mit meinem Gewicht durchaus noch unsportlicher sein kann, als ich es bin. – Als Indikator erwähne ich nur die Besteigung des Drachenfels in Königswinter. Das schaffe ich noch – und zwar ohne Esel oder Zahnradbahn.

Foto im Original von QuintanaRoo (flickr)

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1 Kommentar »

  • Erin meinte:

    Ganz viel Erfolg wünsche ich Dir!!!! Und mehr Erfolg im Kampf gegen den Schweinehund als ich ihn gerade mal wieder habe… -.- Irgendwas kommt EINmal dazwischen und schwupp.. “och, ein Tag ohne Sport hat nicht geschadet, dann macht ein zweiter auch nichts aus…” … “das Kind ist heute nicht da, da relax ich mal komplett…” usw… und schon hat man zwei,drei Wochen seinen Sport nicht gemacht und alles was man sich mühsam runtergestramplet hat klopft wieder an… :/
    Ganz ganz viel Durchhaltevermögen & Erfolg!

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