Älter werden
Alte Menschen beklagen sich hin und wieder über ihre körperlichen Gebrechen und den Umstand, dass sie sich häufig schlapp und müde fühlen. Sie beschreiben, dass die Differenz zwischen dem subjektiv empfundenen körperlichen und geistigen Alter mit zunehmendem Alter immer größer wird.
Junge Menschen hingegen lächeln amüsiert – manchmal auch zärtlich – über die für sie harmlosen Zipperlein der älteren Generation. Manche von ihnen denken sich im Stillen vielleicht auch, dass die „Omma“ oder der „Oppa“ sich mal nicht so anstellen sollen.
Irgendwann fängt das Altern aber – selbstredend dem natürlichen Prozess entsprechend – auch bei den heute noch jungen Menschen an. Mit Pech auch nicht aufgrund des Alters, sondern aufgrund krankheitsbedingter Umstände.
Plötzlich fühlt man sich geistig immer noch wie 15 nur mit mehr Erfahrung und kann sich gar nicht vorstellen, wie Falten oder graue Haare an einem selbst aussehen sollen, fühlt aber plötzlich eine Unfähigkeit des eigenen Körpers, der ganz plötzlich vor Augen führt, dass ein Leben mit einem kranken Körper wenig bis gar keine Laune bereitet.
Plötzlich wird man sich der eigenen Unzulänglichkeit bewusst, die ein körperliches Defizit mit sich bringen kann und verflucht sich augenblicklich für den gestrigen sehr genervten Gesichtsausdruck, den eine ältere Dame an der Kasse auslöste, weil sie das Kleingeld einzeln abzählte.
Wenn ein Körper auf einmal Symptome zeigt und mitteilt, dass er nicht mehr bereit ist die Treppen so schnell zu laufen, wie es die jahrelange Selbstverständlichkeit fordert, setzt automatisch ein Grübeln ein.
Wenn nachts das Herz schnell rast und man das Gefühl hat, es würde gleich explodieren und alle Sorgen über dem Denkgerüst drohen zusammen zu klappen und man nach der Erkenntnis greifend feststellt, dass man sich entweder mitten in einem Nervenzusammenbruch oder einem Herzinfarkt befindet – spätestens dann ist das Bewusstsein sensibilisiert, dass ein Körper einfach den Geist aufgeben kann und der Kopf und die Gedanken keinen Einfluss darauf haben werden. Einfach so!
In meiner Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau hatte ich mal eine Kollegin, die nachmittags noch lachend mit mir Wareneingang eingeräumt hat und abends beim Spazieren gehen mit ihren Hunden umgefallen ist. Hirnschlag!
Die Rehabilitation und eigentlich auch die Resozialisierung in die Gesellschaft, die Fähigkeit ihrem eigentlichen Erwerb wieder vollends nachgehen zu können dauerte Monate. Monate in denen sie sich geistig und charakterlich nie wieder zu dem Mensch erholte, der sie vorher einmal gewesen war. Zuvor war sie ein resoluter Mensch, mit einer Schnauze für zehn (wie meine „Omma“ sagen würde), manchmal launisch, manchmal motzig, aber immer sympathisch. Im Anschluss wirkte sie harmlos, konnte schnell aus der Bahn gebracht werden und wirkte als wäre die Taste für gute Laune auf Dauerrotation. Dabei ähnelte sie in allem was sie sagte oder tat eher einem Kind, denn einem Erwachsenen. Auch einfach so!
Manchmal sitze ich ins Leere starrend vor meiner Tastatur, während meine Finger ein kleines Konzert auf ihrem Rand abhalten. Dabei stelle ich mir vor, wie ich mich in 20 Jahren fühlen werde. Dann nämlich, wenn ich annähernd so alt bin, wie meine Eltern heute. Aber die Vorstellung ist dabei nicht sehr weitsichtig und schon gar nicht reich an Fantasie. Die Vorstellung ist dabei so erschöpfend wie die Vorstellung eines unendlichen Universums oder der Frage, wie konnte ein Ei ohne Henne oder eine Henne ohne Ei auf die Welt kommen. Oder die Fragestellung: wie konnte aus Nichts etwas entstehen oder gab es niemals Nichts?
Älter werden oder allein die Vorstellung daran treibt mir den Schweiß auf die Stirn.
Photo im Original von Helal Al-Helal (flickr)
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